Gegenwartsform

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Moderator: Ginny-Rose_Carter

Gegenwartsform

Beitragvon Eddy Baur » Samstag 4. Februar 2006, 13:10

Ich hab in der Suchfunktion kein Thread zum Thema gefunden.

In den neusten Romanen, die sich zur Zeit auf dem Markt tummeln, wird in der Ich- als auch in der Gegenwartsform geschrieben. Meistens beides zusammen. Gibt es da irgendwelche Vor- und Nachteile? Was bevorzugt ihr persönlich? Was meinen die Verlage?
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Beitragvon kingdom » Samstag 4. Februar 2006, 13:24

Ich verwende die Gegenwartsform nach Gefühl, meistens wenn es irgendwie spannend werden soll.
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Samstag 4. Februar 2006, 13:29

Mich schreckt die Gegenwartsform grundsätzlich eher ab. Ich finde sie bei Kurzgeschichten noch okay, aber einen ganzen Roman lese ich ungern im Präsens. Ich hab es lieber, wenn der Erzähler rückblickend berichtet, wenn sich die ganze Handlung sozusagen schon ereignet hat und man auf die Vergangenheit schaut. Das Präsend assoziiere ich mit einer Unmittelbarkeit, die mir auf lange Sicht hektisch erscheint.

Zum großen Teil ist das sicher einfach Gewohnheit. Romane wurden in der großen Mehrheit stets in der Vergangenheitsform verfasst. Sie erzählen große Geschichten, oft über einen Zeitraum von vielen Jahren hinweg, oder auch ganze Lebensinhalte, und man versinkt stärker darin, wenn man das Gefühl vemrittelt bekommt, das alles ist schon geschehen und wird uns jetzt mit dem Blick aufs große Ganze erzählt. Und genau dieses "große Ganze" fehlt beim Präsens, weil sich die Entwicklungen noch nicht verfestigt haben.

Zu einem modernen Roman, in dem der Protagonist womöglich von einer Situation in die andere stolpert, wo der Ich-Erzähler immer wieder seinen Leser anspricht und selbst keinen richtigen Überblick hat, da passt die Gegenwartsform wieder, weil sie mit dem Inhalt korreliert. Form und Inhalt sollten sich gegenseitig stützen, dann stimmt die Harmonie.
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Beitragvon Eddy Baur » Samstag 4. Februar 2006, 13:50

Aber wenn man im Präsens schreibt, wird es anschließend noch schwieriger, einen Verlag zu finden. Ist das richtig?
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Samstag 4. Februar 2006, 13:58

Alter Mann hat geschrieben:Aber wenn man im Präsens schreibt, wird es anschließend noch schwieriger, einen Verlag zu finden. Ist das richtig?
Wenn es der Inhalt logisch oder sogar erforderlich macht, das sman das Präsens verwendet (z.B. in einem Werk wie "Ulysses"), etwa weil es wichtig ist, dass der Protagonist alles gerade erlebt und seine unmittelbaren Gedanken wiedergegeben werden, auch mit Techniken wie dem inneren Monolog oder dem Bewusstseinsstrom, dann denke ich, dass es keinen Unterschied macht.
Wenn der Text aber genauso gut in der Vergangenheit erzählt werden könnte, dann vermute ich mal, dass ein Präsens eher auf Ablehnung stößt. Die Leser sind an die Vergangenheistform gewöhnt und die Verlage richten sich normalerweise danach, dem Leser entgegenzukommen.
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Beitragvon Marc » Samstag 4. Februar 2006, 19:56

Ich persönlich habe nur einen Roman bisher gelesen ( und ich lese viel) in dem der Autor plötzlich in den Präsens springt und das war "Der Schwarm" von Frank Schätzing.
Man liest ca. 850 Seiten und für die letzten ca. 40 Seiten benutzt er den Präsens und das unvermittelt, ohne Absatz,ohne neues Kapitel, nichts. Auf einemal ist der Imperfekt weg, ein neuer Satz beginnt und schon befindet man sich in der Gegenwart.

Ich persönlich fand das (obwohl das Buch an sich ein Meisterwerk ist) ziemlich daneben.
Zuerst dachte ich, da wäre ein Tempus- Fehler und der Lektor hätte es nicht gemerkt, doch als dieser "Fehler" sich über zig Seiten zog ging mir auf, dass das wohl so sein soll.

Für meinen Geschmack müssen Geschihcten im Imperfekt erzählt werden, sonst fühlt sich das für den Leser einfach nur komisch an. Ich sehe auch keinen Vorteil im Präsens. Sicher, vom Tempus her ist es die Gegenwart und Imperfekt eine Vergangenheitsform, aber wenn man eine Geschihcte im Imperfekt liest, stellt man sich die Sachen doch in dem Moment vor, in dem man sie GERADE liest, also unmittelbar.
Der "Film", der sich in der Phantasie des Lesers abspielt, PASSIERT in der Gegenwart, auch wenn die Geschihcte in der Vergangenheitsform erzählt ist.

Das ist aber natürlich nur meine Meinung. :wink:
Zuletzt geändert von Marc am Freitag 21. April 2006, 22:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gegenwartsform

Beitragvon das Teufelchen » Montag 6. Februar 2006, 08:08

Alter Mann hat geschrieben:Ich hab in der Suchfunktion kein Thread zum Thema gefunden.


:wink: Tatsächlich kann ich mich daran erinnern, dass schon mal so was in der Art beredet wurde. Gefunden hab ich dazu allerdings auch nichts. :-P :wink:

Ich finde die Vergangenheitsforn persönlich auch besser. In der Vergangenheit kann man bessere Zeitsprünge machen, finde ich.

Ob man durch die Gegenwart besser oder schlechter einen Verlag findet, kann ich nicht beurteilen. Vergangenheit ist einfach üblicher, aber wenn ein Roman in der Gegenwart sich trotzden gut liest, wüsste ich nciht, was gegen eine Auflage sprechen würde.
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Beitragvon Eddy Baur » Montag 17. April 2006, 17:12

Man kann Sachen, die sich schon Ereignet haben, auch in der Gegenwartsform schreiben. Das ist sogar ziemlich schick!
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Beitragvon Goldeneye » Freitag 21. April 2006, 21:12

Marc hat geschrieben:Ich persönlich habe nur einen Roman bisher gelesen ( und ich lese viel) in dem der Autor plötzlich in den Präsens springt und das war "Der Schwarm" von Frank Schätzing.
Man liest ca. 850 Seiten und für die letzten ca. 40 Seiten benutzt er den Präsens und das unvermittelt, ohne Absatz,ohne neues Kapitel, nichts. Auf einemal ist der Imperfekt weg, ein neuer Satz beginnt und schon befindet man sich in der Gegenwart.


Ich kenne da noch ein Buch, das hier wahrscheinlich sehr vielen bekannt ist. Nämlich Es.
Ich weiß nicht ob es an mir lag, aber mein Gehirn wurde einfach nicht damit fertig, dass plötlich im Präsens geschrieben wurde :lach . Es hat die Verben automatisch von Präsens in Präteritum verwandelt, bist ich dann endlich mal gemerkt hab, dass da was nicht stimmt, war die Szene schon wieder vorbei.
Mein Fazit:
Wenn man im Präsens schreibt und zwar NUR im Präsens ist das O.K. , wenn man aber im Präteritum schreibt und dann ins Präsens wechselt finde ich dass total schwachsinnig und störend.
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Beitragvon Nimrod » Samstag 22. April 2006, 11:51

Naja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass Geschichten im Präsenz auf jeden Fall irgendwie eine Abschreckende Wirkung auf den Leser haben, einfach weil es so ungewohnt ist.
Für kurze Abschnitte ist es okay, vieleicht um die andersartigkeit einer Szene hervorzuheben. Ein kompletter Text im Präsenz würde wohl schnell zu anstrengend für den Leser werden.
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Beitragvon stephy » Donnerstag 15. Februar 2007, 10:24

es kommt meiner meinung nach völlig auf die geschichte an. und auch darauf, wie der autor es schafft, die zeiten in ihr anzugleichen bzw. konträre zu schaffen.

ich hab überhaupt nichts gegen gegenwartsformen und wenn ich schreibe, schreibe ich, wie es die geschichte haben möchte und denke nicht drüber nach, ob ein verlag das jetzt gut findet oder nicht (vielleicht ist das der fehler... :P).

ich springe auch gern zwischen vergangenheits- und gegenwartsformen hin und her.
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Beitragvon Woerterschmied » Samstag 17. Februar 2007, 20:22

ich habe die gegenwartsform auch erst einmal benutzt: http://kurzgeschichten-planet.de/forump/viewtopic.php?t=9078
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Beitragvon Nimrod » Sonntag 18. Februar 2007, 00:37

Aber man kann in der Gegenwartsform eine sehr gute Dynamik entwickeln, die sich noch dramatischer auswirkt als die Vergangenheit.
Allerdings ist es schwer, dieses Gefühl über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Ich denke, deshalb eignet sich die Gegenwartsform eher für Kurzgeschichten als für Romane. Ich muß mich auch anschließen, ich habe die Gegenwart auch nur einmalbenutzt, nämlich hier
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Beitragvon Woerterschmied » Sonntag 18. Februar 2007, 12:42

Nimrod hat geschrieben:Aber man kann in der Gegenwartsform eine sehr gute Dynamik entwickeln, die sich noch dramatischer auswirkt als die Vergangenheit.
Allerdings ist es schwer, dieses Gefühl über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Ich denke, deshalb eignet sich die Gegenwartsform eher für Kurzgeschichten als für Romane. Ich muß mich auch anschließen, ich habe die Gegenwart auch nur einmalbenutzt, nämlich hier


ja, aber das geht auch bei längeren geschichten oder romanen, indem man hauptsächlich im imperfekt schreibt und rückblicke (flashbacks) dann im presents schreibt.
eigentlich müssten flashbacks ja im ppq dann kommen aber das hört sich ja immer so dämlich an...:lol2:
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Beitragvon stephy » Sonntag 18. Februar 2007, 20:39

och find ich nicht, daß sich das dämlich anhört. ;) kommt drauf an, wie geschickt mans macht!
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