Franz Kafka

Goethe, Mann, Tolstoi und Co aber auch neueres

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Franz Kafka

Beitragvon Glue Boy » Samstag 3. August 2002, 21:24

Andernorts im Forum wurde ein Extra-Thread zu Franz Kafka angeregt - nun denn, hier ist er... :roll:
Um die Diskussion ohne zu lange Vorrede anzuheizen:

Kafka war der bedeutendste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts! (Sorry, Stephen :P )

Trotz seines leider nicht sehr umfangreichen Gesamtwerks hat mich seine Prosa in einer Art und Weise berührt, wie ich es zuvor und seitdem nie wieder erlebt habe.

Die Literaturwissenschaft hat sein Leben erforscht und seziert - die Werke können sehr häufig in direkten Bezug zu seiner Biographie gesetzt werden. Und dennoch ist Kafka mehr: Seine Werke sind so vielfältig begreif- und deutbar, wie es bei keinem anderem zeitgenössischen Schriftsteller der Fall war. Als Mensch war er nach Darstellung seiner Freunde und Bekannten im positiven Sinn außergewöhnlich.

Okay, ihr seid dran... :)
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Samstag 3. August 2002, 23:58

Kafka. Hm.
Dass er sehr bedeutend war, will ich nicht bestreiten. Manches von ihm hat mir auch gefallen. Ich bestreite also nicht seine Fähigkeiten ... aber ich kann mich nicht anfreunden mit ihm.
Allein der expressionistsiche Stil ist nicht mein Metier, weder in Literatur noch in bildender Kunst.
Kafkas Werk (das was ich von ihm kenne) ist mir zu deprimierend. Ständig der Kampf des Induviduums gegen die Selbstentfremdung, gegen anonyme Mächte ... und alles sehr, sehr symbolträchtig. Hm.
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Beitragvon Glue Boy » Sonntag 4. August 2002, 19:35

Kafkas zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk passt ja in ein Reclam-Heftchen. Daher stammt das meiste aus dem Nachlass, Max Brod sei Dank.

Deprimierend ist er bestimmt. Dazu kommt, dass er retrospektiv zum Teil wie ein Orakel erscheint. Vieles in seinem Werk wirkt wie ein Vorgriff auf das Grauen, das neun Jahre nach seinem Tod Europa zu erfassen begann. Daher auch ein großer Teil seiner späteren Wirkung. Werke wie "Der Prozess" oder "In der Strafkolonie" gehen ins Prophetische.

Hinzu kommt eine unvergleichliche Tiefgründigkeit:
"Das Schloss" z.B. kann man verstehen als
1. Kafkas Thematisierung seines eigenen verzweifelten Lebens
2. den Kampf des Einzelnen gegen die unbegreiflichen Mächte des Lebens und Sterbens
3. den Kampf der europäischen Juden gegen eine feindliche Umwelt
4. das Aufbegehren der unterdrückten Menschen gegen ihre menschlichen Unterdrücker
5. die vergebliche (?) Suche des Menschen nach Gott

Der Witz ist: Jedes Verstehen ist richtig, alle Punkte sind richtig, es gibt sogar bestimmt noch mehr. Kafka ist unfasslich. Wer gerne über das Universum nachdenkt, sollte zugreifen: der gute Franz tat das auch.

Ach, übrigens, abgesehen von Kurzgeschichten und Romanfragmenten: Kafkas Briefe (an Felice, die Freunde und vor allem Milena) sind unendlich lesenswert!
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Beitragvon Veit » Sonntag 4. August 2002, 19:57

Ich bin weiß Gott kein Kafka-Kenner (sah "Das Schloß" mit Jeremy Irons und eine andere österreichische Produktion und las eine Kurzgeschichte von einem Mann der über den Friedhof geht und in sein eigenes Grab fällt, glaube ich) aber gab es da nicht auch Briefe an seinen Vater die sehr interessant seien sollen?

Diese Frage geht an Glue Boy, der, glaube ich, Kafka-Kenner ist :wink:

In kafkaesker Verbeugung: Veit
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Sonntag 4. August 2002, 20:02

Was mich an dem, was ich bisher von Kafka kenne stört ist: Es ist mir zu kafkaesk. Zu abgedreht, zu verworren, zu smybolreich und nicht "schön".
Ich bin vielleicht zu ästhetisch veranlangt um eine Erzählung wie "Die Verwandlung" genießen zu können.

Hat Kafka eigentlich Max Brod die Veröffentlichung erlaubt...? Wenn er das vielleicht gar nicht wollte sind diese Werke nochmal unter einem anderen Gesichtspunkt zu betrachten ...
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Sonntag 4. August 2002, 20:14

Ich wurde zwar nicht gefragt, aber ich antworte trotzdem.
Ich weiss nur von einem "Brief an den Vater", der nie abgeschickt wurde und Aufschluss über sein extrem kompliziertes Verhälnis zu seinem Erzeuger liefert.
Kurz vorher gab es ein neuerliches Zerwürfnis mit ihm, als sich Kafka mit einer Frau verloben wollte die seinem Herrn Papa nicht genehm war.
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Beitragvon Veit » Sonntag 4. August 2002, 20:28

Schon okay, ist ja egal wer mir antwortet. Nun, ich dachte es hätte einen regen Briefwechsel gegeben, auf jeden Fall erzählte mir jemand von der Schule davon. Er habe einen Band mit den Briefen an seinen Vater, und die Beziehung sei sehr interessant, da sie halt sehr schwierig war. Aber mich interessiert das eigentlich nicht, wollte das nur mal "neunmalklug" in den Raum werfen. :wink:
Vielleicht war 's aber auch nur ein Brief. Na ja.....wen juckt'sBild

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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Sonntag 4. August 2002, 20:50

Zu Kafkas Vater habe sogar ich ein gespaltenes Verhältnis.
Alles und jedes in seine Geschichten wird immer auf diese Beziehung bezogen, aber kaum mach ich das in einer Klausur steht mir der Lehrertünnes mit fragendem Gesicht gegenüber.
Da soll sich mal einer auskennen.

Habs nachgeguckt; Kafka wollte, dass sein literarischer Nachlass samt und sonders nach seinem Tod verbrannt wird. Hat der gute Max sich nicht dran gehalten.
Toller Freund. :mrgreen:
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Beitragvon Edvard » Montag 5. August 2002, 07:40

Ist derjenige, der Das Tagebuch der Anne Frank veröffentlichte deshalb auch ein schlechter Freund (oder Vater)? Ich kann mir nicht vorstellen das es Anne Frank gefallen würde das ihr Tagebuch jetzt so bekannt ist, allerdings wäre doch Kafka sicher glücklich darüber wenn er wüsste, dass aus seinen Werken doch noch etwas geworden ist. Oder nicht?
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Montag 5. August 2002, 11:30

@Edvard ... Bei Anne Frank liegt die Sache anders. Sie hat ausdrücklich darum gebeten, dass ihr Tagebuch nach ihrem Tode veröffentlicht wird und ihr Vater hat ihren Wunsch erfüllt.

Die Sache ist die - wenn ein Autor nicht möchte, dass seine Werke veröffentlich werden kann es sein, dass er sie also gar nicht für die Außenwelt geschrieben hat, sondern nur für sich selbst. Dann sind solche Werke auch anders zu interpretieren.

Man schreibt grundsätzlich immer anders wenn man für einen Leser schreibt, als wenn man es nur für sich selbst tut.
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Beitragvon White Claudia » Dienstag 6. August 2002, 19:17

Nun, ich würde trotzdem - oder gerade deswegen - nicht behaupten, dass Brod kein guter Freund war.
Ich kann mir vorstellen, dass Kafka zeit seines Lebens von der Vorstellung geplagt war, klein zu sein, unnütz, wertlos. Schliesslich handelt im Grunde genommen sein ganzes Werk vom aussichtslosen Kampf des schwachen Individuums gegen die gesichtlose Maschinerie der Bürokratie; auch "Die Verwandlung" zeigt deutlich (unbewusste?) autobiografische Züge. Ich denke einfach, dass Kafka seine omnipräsenten Gedanken der Verzweiflung, Enttäuschung, Niederlage und des Verlustes auch auf sich und die Qualität seines Werkes projeziert hat. Er wollte nicht, dass seine Bücher veröffentlicht werden, weil er der Überzeugung war, dass sie schlecht seien, minderwertig, der Veröffentlichung nicht würdig. Die unsinnigen Schmierereinen eines so kleinen Rädchens verdienen es nicht, gekauft und gelesen zu werden...
Daher kann ich Max Brod nur danken, dass er diesen letzten Wille Kafkas ohne mit der Wimper zu zucken ignoriert hat - ein Freund muss eben wissen, wann er aufhören muss, Freund zu sein - und das macht ihn vielleicht umso wertvoller.
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Dienstag 6. August 2002, 19:46

... ich hab auch nicht umsonst den :mrgreen:-Smiley hinter meine Bemerkung gesetzt ...

Ich glaube auch nicht, dass Max Brod jetzt deswegen im ewigen Höllenfeuer schmort; allerdings find ich es bedenklich wenn das Werk, das Kafka bewusst nicht veröffentlichen wollte, interpretatorisch nicht getrennt von dem betrachtet wird, das zu Lebzeiten erschien - so.

Ich bin zwar auch ein Vertreter des textimmanenten Interpretierens, aber manchmal muss der Positivismus (= Text wird in Hinblick auf seinen Autor, die Umstände der Entstehung betrachtet) einfach beachtet werden.
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Beitragvon White Claudia » Dienstag 6. August 2002, 20:30

Na, dann sind wir uns ja einig! :wink:
Dabei ist mir wiedermal aufgefallen: Das eigentlich so unscheinbare Wort "Interpretation" hat für mich immer einen so bitteren Nachgeschmack; ein Begriff, bei dem mich eine leichte Gänsehaut packt.

Danke, ihr Jahre der humanistischen Schulbildung.
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Dienstag 6. August 2002, 20:47

Bei mir ists ähnlich:
Das eigentlich so unscheinbare Wort "Kafka" hat für mich immer einen so bitteren Nachgeschmack; ein Begriff, bei dem mich eine leichte Gänsehaut packt.

Danke, ihr Jahre der humanistischen Schulbildung. :mrgreen:
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Beitragvon Glue Boy » Mittwoch 7. August 2002, 18:01

Mal abgesehen von aller Interpretation und der Gänsehaut, die das Wort hervorrufen mag:

Wenn du, Ginny, sagst, dass du Kafkas Sprache nicht "schön" findest, dann ist das eben so. Ich mein das nicht flapsig, wie soll man über Schönheit streiten? Ich finde viele Stellen seines Werks unendlich schön. Kafka konnte in seiner kristallinen Prosa lyrisch sein wie kaum ein zeitgenössicher Lyriker.

Sicher ist er ein Autor, der vor allem zum Grauen und zur Ohnmacht in Beziehung gesetzt wird, und zu Recht, betrachtet man sein Werk. Und angesichts des Verlaufs des furchtbaren 20. Jahrhunderts war es fast zwangsläufig, dass ein solcher Autor zu posthumem Weltruhm kam. Aber ER IST EBEN NICHT NUR EIN EXPERTE DES GRAUENS. Lest seine "Briefe an Milena"! Lest das "Schloss"! Die Tagebücher! Welche Kleinodien!

Ob Kafka "nur für sich" geschrieben hat, werden wir nicht mehr erfahren. Brod fand im Nachlass (der an ihn ging) einen Zettel, auf dem stand: Alles verbrennen! Er selbst hatte aber zeitlebens Kafka fast jede Veröffentlichung abgerungen, ermutigte den Freund immer wieder, zu veröffentlichen, was keiner lesen wollte... Brod argumentierte: Als Kafka ausgerechnet ihm die Vernichtung seiner Werke auferlegte, wusste dieser genau, dass er sich niemals daran halten würde.
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