Arthur Schnitzler

Goethe, Mann, Tolstoi und Co aber auch neueres

Moderator: Gwenhwyfar

Arthur Schnitzler

Beitragvon stephy » Freitag 13. Oktober 2006, 15:54

hallo ihr lieben! :P

arthur schnitzler ist ja ein recht bekannter autor, daher dachte ich, daß ich (und auch jule zuliebe :P) einfach einen thread zu ihm aufmache und ihn zu den klassikern stecke. er ist zweifelsfrei ein gesellschaftskritiker, wobei er selbst sich in keiner weise von der gesellschaft unterscheidet. in seinen werken ("fräulein else", "die traumnovelle", "leutnant gustl", "reigen", "liebelei" etc....) behandelt er meistens den "süße mädel"-typos, der euch vielleicht ein begriff ist. wenn nicht hier eine kleine erklärung: unter "süße mädels" versteht er frauen, die aus kleinbürgerlichen verhältnissen kommen und sich in affären mit großbürgerlichen (meistens studenten) einlassen, um ihrem sozialen elend zu entkommen. dies ist natürlich immer zum scheitern verurteilt, denn die großbürgerlichen benutzen die süßen mädels nur als sexualobjekt und lieben sich ausschließlich selbst. sie sind für sie zeitvertreib, einfachheit.
die literaturforschung beschäftigt sich nach wie vor mit diesem typos, den arthur schnitzler zwar nicht begründet hat, aber doch bekannt gemacht hat.
es geht wie gesagt auch um gesellschaftliche analysen der zeit (anfang zwanzigstes jahrhundert) im wiener sin de siècle: das bürgertum verliert die eigenen traditionen, ist verloren in der neuen welt, erkennt dies aber nicht oder will es nicht erkennen. die identifikation mit berühmten persönlichkeiten aus der bürgerschicht geht flöten (z.b. schubert-büsten). die großbürgerlichen studenten studieren und weil ihr leben so langweilig ist, stürzen sie sich in affären mit verheirateten frauen. diese werden als "dämonische weiber" beschrieben. dort suchen sie action und abenteuer. die "süßen mädel" betrachten sie als erholung von ihren abenteuern.
man muß auch sehen, daß schnitzler den duellzwang anprangert, der zur damaligen zeit noch geherrscht hat. besonders sieht man das in "leutnant gustl"; dieses buch besteht ausschließlich aus einem inneren monolog genauso wie "fräulein else".

kurzum; schnitzler ist wirklich sehr empfehlenswert, man lernt nicht nur viel über die verhältnisse wiens in den zeiten nach der jahrhundertwende, sondern auch über den verlust einer generation mit den werten ihrer väter und großväter. der schwerpunkt liegt hierbei so gut wie immer bei den frauen. und die forschung ist nach wie vor dabei, den "süßen mädel"-typos zu durchleuchten, denn eindeutige merkmale gibt es da nicht.

hinzu kommt eine diskussion, ob es sich bei "liebelei" um ein bürgerliches trauerspiel handelt. ob schnitzler mit seinem theaterstück auf "kabale und liebe" zurückgreift. ihr wißt, bürgerliches trauerspiel bedeutet in erster linie immer; eine liebe scheitert an unterschiedlichen ständeklauseln. wie in "kabale und liebe". doch schnitzler geht hierbei in seiner "liebelei" weiter; seine figuren scheitern nicht nur am unterschiedlichen standesbewußtsein, sondern auch am verlust der liebe; während für das mädchen der student die große liebe ist, das ein und alles für diesen augenblick, muß sie am ende von "liebelei" erkennen, daß sie dem studenten nichts als "schöner zeitvertreib" bedeutet hat...

der typos geht auch noch weiter; es könnte auch sein, daß das süße mädel sich deshalb auf affären einläßt, weil es zumindest kurzfristig zur oberschicht gehören möchte. oder einfach aus naivität. eine klare struktur ist hierbei sehr wahrscheinlich nicht auszumachen. d.h. über die gründe streitet sich die forschung nach wie vor. :P

was man noch zum bürgerlichen trauerspiel sagen kann; auch das ist nach wie vor umstritten, denn einige erkennen auch in "kabale und liebe" eine größere problematik als das scheitern der liebe aufgrund der unterschiedlichen stände. liebt fritz luise wirklich? oder liebt er sich am ende vielleicht doch nur selbst? ich würde für zweites stimmen. von daher könnte es sich bei "liebelei" um ein bürgerliches trauerspiel handeln...

nur soviel mal, die diskussion kann man endlos vertiefen.
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Beitragvon jule » Freitag 13. Oktober 2006, 16:07

danke für den thread :bounce:

ich hab mir jetzt mal bei amazon "fräulein else" und "die traumnovelle" bestellt. gibts ja zum glück als reclam heftchen, die kann ich mir eher leisten. :P

ich hatte von dem vorher echt noch nie was gehört :shock: was fürn glück, dass es den "ich lese gerade"-thread gibt. :P

ich melde mich dann zurück wenn ich was vom herrn schnitzler gelesen hab. :mexico:
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Beitragvon stephy » Samstag 14. Oktober 2006, 10:48

genau, tu das. bin gespannt, was du von ihm hälst! :P
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Beitragvon Gwenhwyfar » Samstag 14. Oktober 2006, 15:36

Welch Zufall! Habe ja schon im King-Forum angemerkt, daß ich erst neulich zum ersten Mal etwas von Schnitzler las.

Ich hatte mir die kleine Reclam-Ausgabe von Traumnovelle/Die Braut gekauft und innerhalb weniger Tage verschlungen. Gerade die Traumnovelle hat es mir angetan (kenne auch die Kubrick-Verfilmung Eyes wide shut). Schnitzler liest sich sehr flüssig und keinesfalls antiquiert. Wie Stephy schon erwähnte, taucht man in das Wien um die Jahrhundertwende, gleichzeitig behandelt besonders die Traumnovelle Themen, welche selbst heute interessant sind: Liebe, Treue, erotische Sehnsüchte in festen Partnerschaften. Schnitzlers (unbewußte?) Nähe zu Freuds Theorien trägt ebenfalls zur Faszination bei. Sehr empfehlenswert.
Zuletzt geändert von Gwenhwyfar am Samstag 14. Oktober 2006, 18:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Leila2002 » Samstag 14. Oktober 2006, 16:20

Ich glaube ich muss auch mal Die Traumnovelle lesen. Hört sich echt gut an! Habe ja von ihm bis jetzt nur Fräulein Else gelesen.
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Beitragvon stephy » Samstag 14. Oktober 2006, 17:39

und wie hat dir "fräulein else" gefallen, Leila?

es ist sehr seltsam, daß sich schnitzler und freud nie begegnet sind, obwohl sie beide in wien lebten. liegt wohl daran, daß sie sich so ähnlich waren in gewissen ansichten und sich sehr respektierten. hab davon gehört, daß die beiden sich regelrecht aus dem weg gegangen sind. :P
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Beitragvon Leila2002 » Samstag 14. Oktober 2006, 18:45

Ich fand Fräulein Else sehr gut. Hätte nicht gedacht, dass das Buch mir so gefallen würde. Habe das nur gelesen, weil es Pflichtlektüre für die Zwischenprüfung war.
Das Buch war mal was anderes. Mir gefiel vor allem der Schluss. So makaber und so bedrückend... Einfach gut!
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Beitragvon stephy » Samstag 14. Oktober 2006, 21:11

mir hat sehr gut gefallen, wie ihre psyche nach und nach von einer gefestigten zu einer verzweifelten wurde...
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Beitragvon Leila2002 » Sonntag 15. Oktober 2006, 15:54

stimmt, das war auch nicht schlecht
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Beitragvon jule » Freitag 20. Oktober 2006, 15:22

Meine Bücher sind heut angekommen. Werd mich nacher gleich ans Lesen machen und dann berichten. :bounce:
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Beitragvon Leila2002 » Samstag 21. Oktober 2006, 14:27

Viel Spaß. Und nicht vergessen deine Meinung zu posten. :hallo:
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Beitragvon stephy » Sonntag 5. November 2006, 18:13

jule? wie hat der schnitzler "gemundet"? :P

ich lese gerade seine autobiographie "jugend in wien". ist sehr gut bis jetzt! :P
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Beitragvon Leila2002 » Donnerstag 3. Mai 2007, 09:21

Habe jetzt auch Traumnovelle gelesen. Hat mir auch sehr gut gefallen.
Vor allem dieses trotzige von Fridolin. Durch seine Eifersucht auf Albertine macht er Sachen, die er sich dann doch nicht traut zu Ende zu führen.

Lese jetzt Lieutnant Gustl. Melde mich später, wie ich ihn finde.
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Beitragvon Ginny-Rose_Carter » Donnerstag 3. Mai 2007, 10:11

In der Uni mussten wir gerade "Anatol" lesen, das gefällt mir aber nicht so ... ich habs ja eh nicht so mit Dramen. Die anderen Texte von Schnitzler, etwa die "Traumnovelle" oder "Leutnant Gustl" fand ich besser. Apropos Leutnant Gustl: Unser Dozent meinte, eigentlich hätte der sogar besser in unser Seminar gepasst, aber er hält ihn für überschätzt und mag ihn nicht mehr lesen. :P
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Beitragvon Leila2002 » Donnerstag 3. Mai 2007, 19:38

gut zu wissen. :orange:

Habe erst 4 Seiten gelesen und hoffe, dass der innere Monolog auf Dauer nicht zu langweilig wird. Mal schauen.
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