Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Goethe, Mann, Tolstoi und Co aber auch neueres

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Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Beitragvon biberrulez » Freitag 20. Oktober 2006, 07:30

Ich glaube mal gelesen zu haben, dass kaum ein Buch so selten wirklich zuende gelesen wird wie Prousts Lebenswerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich möchte mir an dieser Stelle Phrasendreschereien a la „Dieses Buch muss man gelesen haben“ sparen. Aber wer sich für Literatur interressiert, könnte sich ja mal an die Lektüre wagen. :lookaround:

Irgendwie hört man ja mal immer was von dem Buch, entweder weil es so lang ist, oder weil es so schwierig ist oder aufgrund seiner Bedeutung für die Literatur. Nun, mich hat vor allem der Titel neugierig gemacht und gemäß des Mottos – „Keine Angst vor dicken Büchern“ – wollte ich es mal lesen. Und ich habs gelesen. Alle 4185 Seiten, am Stück, ohne Auslassungen und ohne Sätze oder gar Seiten zu überspringen; und ich habe es nicht bereut.

Zunächst muss einem aber klar sein, auf was man sich einlässt. Auch wenn es sieben Bände sind (meine Ausgabe, eine gebundene des Suhrkamp Verlags, ist in zehn Bände unterteilt) ist es nur ein Buch und sollte auch wie ein Buch gelesen werden. Ich habe es gelesen als ich im ersten Semester an der Uni war. An und für sich bin ich ein sehr obsessiver Leser und lasse mich auch oft von einem Buch von wichtigeren Dingen ablenken. Da ich aber einen guten Start ins Studentendasein haben wollte, habe ich mir Proust vorgenommen, da ich mir sicher war, dass dieses Buch nicht so spannend ist, dass man alles andere liegen lässt. Und so haben mich diesen zehn Bände ein halbes Jahr begleitet (von Oktober bis März); ehe ich durch war. (Ich habe dafür sogar erst mal „Der Turm“ liegen lassen.) :zombi:

Bevor ich anfing, hab ich im Netz nach einer Inhaltsangabe gesucht, bin aber nicht fündig geworden. Kein Wunder, wenn man durch ist, weiß man warum, denn eine Handlung im eigentlichen Sinne existiert nicht. Im Prinzip begleitet man den Ich-Erzähler Marcel durch sein Leben. Das ist manchmal spannend und fesselnd – wie etwa im zweiten Teil des Buches Ein Liebe von Swann und im abschließenden Band Die wiedergefundene Zeit. Es kann aber auch unsäglich laaaaaaaangweilig, mühsam und anstrengend sein wie im Teilband Die Entflohene. Aber es lohnt sich durchzuhalten, denn der letzte Band entschädigt und rechtfertigt so manche langweilige Stelle. :razz: Es kommt am Ende alles zusammen, alles hat Sinn und man begreift das Buch auf eine Art, wie sie nicht in Worte zu fassen ist.

Manchmal ist die Lektüre schrecklich :asdf: und man möchte das Buch einfach gegen die Wand knallen. An anderen Stellen kriegt man einfach nicht genug. :daumenhoch: Letztendlich hätte das Buch ruhig noch gerne drei- fünf- ach was rede ich, zehntausend Seiten länger sein können. Proust gelingt es, viele Dinge auf den Punkt zu bringen und in Worte zu fassen, von denen man das nicht geglaubt hätte. Bestimmte Gefühle und Erfahrungen, die wahrscheinlich jeder kennt, die aber keinen Namen haben und über die man auch nicht redet, bringt Proust in formvollendete Formulierungen und man denkt: Genau so isses!!!

Beispiele:
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, dass ich keine Zeit mehr hatte zu denken: „Jetzt schlafe ich ein.“ Und eine halbe Stunde später wachte ich über dem Gedanken auf, dass es nun Zeit sei den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen[…].

Das ist der Beginn des Buches. Mir als Vorm-Schlafen-noch-ein-paar-Seiten-im-Bett-Leser ist das auch schon oft passiert.

Oder was Lustiges (und wahres? :evilking:):
Im Leben der meisten Frauen wird alles, selbst der größte Schmerz, schließlich zur Kleiderfrage.


Und philosophisch: :aehm:
Es ist menschlich, den Schmerz zu suchen, menschlich aber auch, sich davon zu befreien.

Und:
Liebe ist Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht.


Ja, das ist ein etwas längerer Beitrag geworden. Vielleicht (hoffentlich) hat auch jemand von Euch das Buch gelesen und kann seine Meinung posten und vielleicht ist der ein oder andere neugierig geworden und begibt sich auch auf die Suche nach der verlorenen Zeit. (Achso, ich las die Übersetung von Eva Rechel-Mertens und fand sie gelungen.)

ps. Es ist mir trotz der Länge des Beitrags gelungen, auf den nervenden Kallauer, dass das Lesen bzw. das Verfassen des Buches verlorene Zeit sei/war, zu verzichten. (paradox) :bandit:
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Beitragvon Gwenhwyfar » Samstag 21. Oktober 2006, 22:07

Letztes Jahr zu Weihnachten bekam ich die ersten drei Bände der neuen Suhrkamp-Ausgabe. (Insgesamt gibt es 7).
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Reingelesen habe ich natürlich, gefiel mir auch sehr gut. Aber ich suche die passende Gelegenheit, um in einem Rutsch alles durchzulesen. Dabei wollte ich mir dann nach und nach die restlichen Bände zulegen. Diese sind übrigens recht teuer: ca. 20 € pro Taschenbuch bzw. als Gesamtausgabe 100 €.

Vielleicht reizt mich ja im langen kalten Winter der Marcel. :P
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Beitragvon biberrulez » Mittwoch 25. Oktober 2006, 14:12

Gwenhwyfar hat geschrieben: Aber ich suche die passende Gelegenheit, um in einem Rutsch alles durchzulesen.
Das würde ich auch jedem ans Herz legen. Es braucht seine Zeit, bis man sich eingelesen hat. Zugegebenermaßen ist die Versuchung groß, nach Beendigung eines Bandes erstmal etwas anderes zu lesen, aber ich glaube dabei steigt die Gefahr, dass man sich anders besinnt und die Lektüre nicht wieder aufnimmt. Aber ich kann Dir sagen, dass es ein berauschendes Gefühl ist, wenn man die Recherche durch hat und dann wieder zu einem Buch greift, bei dem ein Ende absehbar ist.
Meine Ausgabe (suhrkamp, gebunden, 10 Bände) hab ich übrigens relativ günstig bei ebay ersteigert, für ca. 50 Euro.
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Beitragvon spaddl » Freitag 10. Oktober 2008, 13:09

Ich habe mir vor ein paar Tagen die kommentierte Frankfurter Leserverlag für 49,80 EUR (!!!) zugelegt und hatte anfangs echt total meine Probleme mit diesem Buch bzw. mit der Schreibweise von Herrn Proust, aber so nach und nach kommt man da gut rein..:-)
Mal sehen..
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