Aharon Appelfeld: Die Geschichte eines Lebens

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Aharon Appelfeld: Die Geschichte eines Lebens

Beitragvon Creative » Sonntag 16. Oktober 2005, 15:52

Inhalt kopiert von amazon.de bzw. ergänzt von mir:

Manchmal genügt der Geruch von gammeligem Stroh oder ein Vogelschrei, um mich weit weg und tief in mich hinein zu schleudern." Der dies sagt - der Schriftsteller Aharon Appelfeld - war bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sieben Jahre alt, ein behütetes Kind assimilierter Juden in Czernowitz, ein kleiner Junge namens Erwin. Seine Kindheit endet über Nacht: Deutsche und Rumänen ermorden seine Mutter, er hört ihren Schrei. Als er nach Monaten im Ghetto und dem Todesmarsch durch die Steppen der Ukraine im Lager eintrifft, wird er von seinem Vater getrennt. Erwin gelingt die Flucht in die Wälder. Er überlebt wie durch ein Wunder und es gelingt ihm im Jahr 1946 die Überfahrt nach Palästina.

über Aharon Appelfeld

geb. am 16. Februar 1932 in der Nähe von Czernowitz (Bukowina)

Als Aharon acht Jahre alt ist, wird seine Mutter von rumänischen Antisemiten umgebracht und er wird gemeinsam mit seinem Vater in das KZ Transnistria (Ukraine) verschleppt. Es gelingt ihm zu fliehen und sich in den Wäldern versteckt zu halten, bis er sich 1944 sowjetischen Truppen als Küchenjunge anschließt. Mit anderen Flüchtlingen erreicht er über Italien 1946 Palästina und studierte an der hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist er Professor für hebräische Literatur.

In hebräischer Sprache veröffentlicht er seit dem Ende der 50er Jahre erste Erzählungen, in denen er Probleme der Überlebenden thematisiert, darüber hinaus findet die verlorene Welt seiner Kindheit immer wieder Eingang in seine Literatur. In seinem literarischen Werk beschäftigt sich Appelfeld hauptsächlich mit Schicksalen jüdischer Menschen in einer von Multikulturalität geprägten Gesellschaft.

Einer größeren internationalen Öffentlichkeit wird Appelfeld mit dem Erscheinen der englischen Übersetzung seines Romans Badenheim (1980) bekannt, für der Der Eiserne Pfad wird er 1999 mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnet.

Im Jahre 2005 erhält Aharon Appelfeld den mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund.

Meine Meinung:

Dieses Buch verinnerlicht für mich den Begriff "Heimatlosigkeit".

Zuerst die Rückblenden in die wunderbare, harmonische Kindheit. Die Ferien bei den Großeltern auf dem Land, das unbeschwerte Leben mit seinem Vater und seiner geliebten Mutter. - Und dann - über Nacht - die furchtbaren Erlebnisse im Zuge des Weltkrieges.

Es ist eine Vergangenheitsbewältigung der ganz anderen Art. Appelfeld klagt nicht an, sucht auch keine Schuldigen und v.a. versucht er nicht, die Erinnerungen zu vergessen oder gar auszulöschen. Er versucht, mit ihnen zu leben, sie als Bestandteil seines Daseins anzunehmen.

In einer ganz wunderbaren Sprache beschreibt er den Verlust von Heimat und Wurzeln, und v.a. den Verlust der Sprache. Seine Mutter sprach Deutsch, die Großeltern Jiddisch, die Leute im Ghetto Ruthenisch und Rumänisch. Als er 1946 nach Palästina kam, sprach man dort Hebräisch.

Dazu eine Textstelle: "Wenn man keine Sprache hat, ist alles Chaos und Durcheinander, und man hat Angst vor Dingen, vor denen man sich nicht zu fürchten braucht. ... Wenn man keine Sprache hat, offenbart sich der nackte Charakter. Die Vielredner unter uns wurden noch lauter, und die in sich Gekehrten verschluckten ihre Stimme. Ohne Muttersprache ist der Mensch verkümmert."

Weiters schreibt er in seinem Tagebuch: "Es ist das Jahr 1946, das Jahr meiner Einwanderung nach Palästina; das Tagebuch zeigt ein Mosaik aus deutschen, jiddischen, hebräischen und sogar rumänischen Wörtern. Ich sage „Wörter“ und nicht „Sätze“, denn zu dieser Zeit war ich noch nicht in der Lage, Wörter zu Sätzen zusammenzufügen. Diese Wörter waren zuückhaltende Schreie eines Vierzehnjährigen, dem alle Sprachen, die er gekonnt hatte, verloren gegangen waren, sodass er keine mehr hatte. Das Tagebuch diente ihm als geheimes Eckchen, in dem er Reste der Muttersprache und gerade neu erworbene Wörter aufhäufte. Diese Anhäufung war kein verbaler Ausdruck, sondern ein Abbild der Seele."

Das Buch ist keine chronologische Abhandlung, vielmehr schreibt der Autor in der "Jetztzeit" und erinnert sich an das Geschehene. Von der Niedertracht der Menschen, der Trauer, von der Befreiung und vom ersten Fuß-fassen in Palästina sowie von seinen Anfängen als Schriftsteller. Ein Plädoyer an die Bildung, an die Sprache und an die Menschlichkeit!

Ein tief bewegendes Buch, das ich jedem nur ans Herz legen kann!!
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Beitragvon Gwenhwyfar » Montag 17. Oktober 2005, 18:21

Deine Empfehlung macht mich neugierig, die zitierten Textstellen klingen...ja, wunderbar.

Werde mir auf jeden Fall den Titel notieren. :sweet
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