Souad "Bei lebendigem Leib"

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Souad "Bei lebendigem Leib"

Beitragvon kremtortchen » Montag 28. Juni 2004, 19:11

Das ist die Lebensgeschichte einer ca. 45 Jahre alten Frau. Aus Angst vor ihrer Familie nennt sie sich Souad. Der Leser erfährt nicht einmal das Land, in welchem Souad jetzt lebt.

Souad wurde in einem kleinen Dorf im Westjordan geboren. Wann genau weiß sie nicht. Sie ist ein Mädchen und Mädchen sind dort weniger Wert als ein Esel, ein Schaf oder eine Kuh.
Mädchen verlassen niemals alleine das Haus, Mädchen sehen keinem Mann in die Augen, Mädchen gehen nicht zur Schule, Mädchen stellen keine Fragen. Mädchen gehen in Begleitung einer älteren Schwester, sehr schnell und mit gesenkten Kopf auf die Straße. Mädchen schwatzen und lachen auch nicht mit anderen. Mädchen haben keine Freundin.
Werden Sie bei einem dieser verbotenen Dinge von einer Nachbarin beobachtet, gelten sie im Dorf als "charmuta". Heiratet eine Frau und der Ehemann stellt in der Hochzeitsnach fest, daß sie nicht mehr jungfräulich ist, gilt die Frau als "charmuta".

Eine "charmuta" befleckt die Ehre der Familie und wird die Ehre nicht mehr hergestellt, kann die ganze Familie nicht mehr im Dorf leben.

Die Ehre der Familie kann nur wieder durch einen Ehrenmord hergestellt werden. Dafür wird ein Mitglied der Familie ausgewählt, der dann die ehrenvolle Aufgabe hat, die "charmuta" zu töten.

Die Stiftung "surgir (Auftauchen) schätzt, daß ca. 6.000 Ehrenmorde jährlich verübt werden und keiner davon wird bestraft. Im Gegenteil: Der Täter ist dann in der dörflichen Gemeinschaft sehr angesehen.

Souad ist eine von ganz wenigen Überlebenden solch eines Ehrenmordes.

Da sie vom Nachbarsjungen im Alter von 17 Jahren geschwängert wird, gilt auch sie als "charmuta". Der Onkel erhält die Aufgabe, Souad zu töten. Er übergießt sie mit Petroleum und zündet sie (im 7 Monat schwanger) an. Wie durch ein Wunder überlebt Souad und kommt mit Verbrennungen dritten Grades, in ein städtisches Krankenhaus. Dort liegt sie allerdings nur um sterben zu können. Sie erhält weder vom Arzt noch von einer Krankenschwester medizinische Pflege, Hilfe oder sonstigen Zuspruch. Das Personal weigert sich sogar, ihr zu Essen und zu trinken zu geben.
Unter alptraumhaften Bedingungen, sie ist teilweise im Koma und teilweise wach, bekommt Souad ihr Baby. Das wird ihr sofort nach der Entbindung weggenommen. Sie erfährt nicht einmal ob es ein Junge oder Mädchen ist.

Souad muß miterleben, wie die eigene Mutter die neugeborenen Geschwisterkinder, nur weil es Mädchen sind, gleich nach der Entbindung erstickt. Sie muß miterleben, wie ihre Schwester vom eigenen Bruder erdrosselt wird und sie muß miterleben, wie eine andere Schwester vom Ehemann grün und blau geschlagen wird. Souad muß miterleben, wie andere Mädchen bei der Arbeit "zufälligerweise" überfahren werden.
Das alles ist normal.
Die ganze Kindheit besteht aus Arbeiten, Schläge, Todesangst vor der Mutter, Todesangst vor dem Vater.

Dieses Buch hat mich tief betroffen gemacht. Stellenweise mußte ich mit den Tränen kämpfen. Es ist unfaßbar.

Ich werde eine wohl noch ganze Weile brauchen um dieses Buch zu verarbeiten.
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Beitragvon Esprit » Mittwoch 30. Juni 2004, 16:00

:shock: mann,da krieg ich echt wieder die Krise bei soviel frauenfeindlichkeit auf der Welt... :schuettel:
Das Buch will ich auch lesen... :(
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Beitragvon kremtortchen » Mittwoch 30. Juni 2004, 17:24

Ich kann das Buch wirklich nur empfehlen. Es ist allerdings nichts, nur um mal so zu entspannen.
Ich würde mich freuen, wenn du es ließt. Mich würde deine Meinung dazu sehr interessieren.
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Beitragvon Esprit » Mittwoch 30. Juni 2004, 19:47

kremtortchen hat geschrieben:Ich kann das Buch wirklich nur empfehlen. Es ist allerdings nichts, nur um mal so zu entspannen.


um so besser! Ich les Bücher nicht zum Entspannen...
hab schon bei Amazon geguckt,gibts nur als geb.Ausgabe für 19.90 und ich hab mal wieder nen Engpass,aber ich werds mir trotzdem "gönnen" :wink:
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Beitragvon susa » Donnerstag 1. Juli 2004, 00:11

Ich habs auch gelesen. :sweet
ist zwar kein literarisches Meisterwerk, braucht es aber gar nicht zu sein, bei dem Thema.. Extrem erschütternd wie wenig Frauen gelten- und das diese Gleichgültigkeit nicht nur von den Männern ausgeht.
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Beitragvon kremtortchen » Donnerstag 1. Juli 2004, 19:21

@susa
Da hast du sicherlich recht, das es kein literarisches Meisterwerk ist. Aber gerade der Erzählstil macht es für mich so glaubwürdig.

Man hat das Gefühl, daß einem die Frau gegenübersitzt und ihr Leben so erzählt, wie ihr gerade die Gedanken kommen. Es geht sicherlich etwas durcheinander zu, aber das hat mich nicht gestört.

Erschreckend für mich ist die Tatsache, daß die Menschen dort, das alles als ganz normal ansehen.
Der Sohn lernt das Verhalten von seinem Vater und gibt es an seinen Sohn weiter. Die Mutter macht es ebenso.

Keiner stellt diese Verhaltensweisen in Frage.
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Beitragvon Esprit » Freitag 9. Juli 2004, 16:21

habs jetzt auch endlich,fang heut noch damit an.....erst in der 3.Buchhandlung hatten sie es,die brauchen sich ja langsam nicht mehr wundern,dass man dann lieber bei Amazon bestellt.... :aehm
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Beitragvon Esprit » Sonntag 11. Juli 2004, 09:55

Bin jetzt damit fertig und es macht einen wirklich fertig!!Unglaublich,wenn man bedenkt,dass dies alles in der Gegenwart passiert und nicht etwa im finsteren Mittelalter!!An manchen Stellen hätt ich echt losheulen können und solche Leut wie Jacqueline von "Terre des Hommes",die sollten ein bundesverdienstkreuz oder so kriegen,deren Arbeit wird viel zuwenig gewürdigt,wenn sie nicht gewesen wäre,würde Souad heute gar nicht mehr leben... :cry: da heisst es immer nur,in solche sachen wie z.B. der "Ehrenmord" dürfe man sich nicht einmischen,das seien spezielle "Kulturen"!! Einfach unfassbar..
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Beitragvon Nebelfee » Mittwoch 29. September 2004, 14:08

Ich habe das Buch in den Ferien gelesen und ich kämpfte nicht nur mit den Tränen, ich weinte wirklich.
Am schlimmsten fande ich ihren ganzen Krankenhausaufenthalt. Dass es diese Ehrenmorde innerhalb von Familien gibt, war mir schon bewusst und ich hatte auch viel darüber schon diskutiert, aber dass dieser Glauben auch auf Instutitionen, wie ein Krankenhaus, reicht, fand ich wirklich unvorstellbar.
Ich frage mich, wie idiotisch und vollkommen verplant man sein muss, um an sowas zu glauben.
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Beitragvon Esprit » Mittwoch 29. September 2004, 16:21

Nebelfee hat geschrieben:Ich frage mich, wie idiotisch und vollkommen verplant man sein muss, um an sowas zu glauben.


Die Frauen da können doch gar nicht anders,das hat wohl mit glauben nix zu tun...und die Männer profitieren ja nur davon,kein Wunderändert sich da nichts..
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Beitragvon Nebelfee » Donnerstag 30. September 2004, 13:28

Wenn die eigene Mutter es gutheißt die eigene Tochter verbrennen zu lassen? Ich weiß nicht, wie eine Mutter so etwas zu Stande bringen kann.
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Beitragvon Esprit » Donnerstag 30. September 2004, 15:34

Nebelfee hat geschrieben:Wenn die eigene Mutter es gutheißt die eigene Tochter verbrennen zu lassen? Ich weiß nicht, wie eine Mutter so etwas zu Stande bringen kann.

Wurde aber im Buch eindeutig beschrieben,wieso die eigenen Mütter so handeln....
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Beitragvon susa » Dienstag 10. Mai 2005, 12:37

Esprit hat geschrieben:
Nebelfee hat geschrieben:Wenn die eigene Mutter es gutheißt die eigene Tochter verbrennen zu lassen? Ich weiß nicht, wie eine Mutter so etwas zu Stande bringen kann.

Wurde aber im Buch eindeutig beschrieben,wieso die eigenen Mütter so handeln....


Das stimmt schon, aber es bleibt trotzdem unverständlich. trotz all der Gründe, die für Ehrenmord angeführt werden ist es einfach Irrsinn- vor allem wegen der Gründe, die wirklich schön entlarven wie verrückt diese Einstellung doch ist.
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